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Der schreckliche Brand im Wilden Sauschwanz
Ich schlief ganz oben im Haus, drei Stockwerke über der Knarrstufengasse, in einem Zimmer mit einem winzigen Fenster hinaus auf ein düsteres Lagerhaus, dessen Holzwand ich fast mit den Händen berühren konnte ... Dieses Zimmer teilte ich mit mehreren anderen Gästen, vorwiegend Kaufleuten, die nur wenige Nächte blieben, und nicht einmal das verlauste Bett konnte ich mein eigen nennen, da Arvald nicht von jenem verschwenderischen Schlage war, der ein Bett die Hälfte der Zeit ungenutzt läßt. Ich schlief darin meinen unruhigen Schlaf, wenn es dunkel war, und bei Tag übernahm es ein Mann, der nachts im Hafen draußen vor der Stadtmauer arbeitete. Es gab manchen Abend, da ich nach Hause kam und die Laken noch feucht von Hafenwasser fand. Einmal entdeckte ich im Bettzeug einen kleinen Fisch, der wohl aus den Stiefeln dieses Mannes stammen mußte, denn meine übrigen Zimmergenossen erzählten mir, er lasse sein durchnäßtes, altes Schuhwerk selbst im Bett an. Ehe ich meine Stellung im königlichen Steueramt fand, verdiente ich mir einen Teil meines Quartiergeldes zurück, indem ich Arvald beim Bedienen der Gäste half, und die waren in der Tat eine selten traurige Schar. Noch heute, da der Sauschwanz, was die Gastlichkeit angeht, in etwas besserem Rufe steht, ist das Völkchen, das dort die Bänke der Schankstube füllt, gelinde gesagt, ein bunter Haufe: Verseschmiede und andere, weniger gesetzestreue Schwatzmäuler, Gauner, Falschspieler und Beutelschneider. Für diejenigen, die noch nie dort waren: Das Gasthaus lehnt, ähnlich einem Mann, der vor einer Schlägerei zurückgewichen ist und jetzt mit dem Rücken zur Wand steht, an der Innenseite der äußeren Befestigungsmauer, zwischen Spengler- und Blechschlägergasse, und an der Eingangstür führt die Knarrstufengasse vorbei wie ein schmaler, schlammiger Fluß. Das Wirtshausschild stellt eine gesichtlose Frau dar - aus irgendeinem Grund, den niemand mehr kennt, ist sie verschleiert und ganz in Schwarz. Der Sauschwanz liegt unweit der Skimmerlagune, auf der Spenglergassenseite, und wenn auch die Skimmer dort nicht verkehren - sie haben ihre eigenen Stammplätze, wo unsereins nicht willkommen ist -, ist doch der Geruch der Lagune stets gegenwärtig, zumal, wenn die Sonne hoch oder das Wasser niedrig steht, und das Geschrei der Seevögel ist die übliche Musik, sofern es beim Lärm der Betrunkenen und Dirnen noch zu hören ist. Der Sauschwanz ist ein altes Gebäude, und der hintere Teil ist regelrecht in die Stadtmauer eingelassen, als hätte man die Mauer um das Gasthaus herumgebaut. Niemand weiß mehr, wann er erbaut wurde oder auch nur, welche Ausmaße er wirklich hat. Nicht einmal ich könnte das sagen, obwohl ich ein Jahr dort gearbeitet habe. Es gibt etliche Räume unter der eigentlichen Schankstube, Vorratskammern und Gelasse, die ich nie erkundet habe. Es ängstigte mich, dort hinabzusteigen, weil es so still und dunkel war und die Gänge ein verwirrendes Geflecht bildeten, daher beließ ich es bei möglichst kurzen Ausflügen. Wenn Nevin Kennit - vielleicht der berühmteste, mit Sicherheit aber der versoffenste Stückeschreiber von Südmarksburg - tüchtig gebechert hat und behauptet, unter dem jetzigen Wirtshaus liege noch einmal eine ganze Taverne, verlassen, aber wohlerhalten, werde ich ihn nicht der Lüge zeihen. Jedenfalls war der Sauschwanz in meiner Jugend gar nicht so anders als heute. Die meisten Gäste schwankten, wie es die Art von Dichtern und lichtscheuem Gesindel ist, zwischen trübsinnigem Schweigen und lärmender Großmäuligkeit hin und her und stachelten sich oft gegenseitig zu riskanten Wetten oder kindischen Streichen an. So erinnere ich mich, wie einem jungen Poeten, dessen Geliebte nicht eben geringe Ansprüche stellte, versichert wurde, der Rhabarber im Küchengarten sei ein verläßlicher Beförderer des nötigen körperlichen Reflexes. Der tumbe Verseschmied verzehrte mehrere Stengel roh und wurde sterbenskrank, sehr zur Erheiterung aller mit Ausnahme der weichherzigsten Gäste. In der Nacht der Feuersbrunst geschah, soweit ich mich erinnere, sonst nicht viel Ungewöhnliches. Es war spätherbstlich kühl, vor allem drunten an der Lagune, wo der Wind ungehemmt wehte, und im Kamin war ein Feuer entzündet worden. Die Luft war voller Rauch, und mir brannten die Augen. Nevin Kennit, damals noch so jung, daß er keinen Bart im Gesicht, hatte sondern nur eine Art Löwenzahnflaum, brüstete sich, sein erstes Stück beendet zu haben, ein Werk von, wie wir argwöhnten, zweifelhafter Güte und noch zweifelhafterem sittlichem Wert, da es von einer berühmten Trigonarchenmätresse handelte. Zu unser aller Überraschung wurde dieses Stück, Das Eidolon von Devonis, ein Jahr darauf im Firmament-Theater aufgeführt. Es wurde ein großer Erfolg und trug Kennit seine erste Stellung bei Graf Roricks Schauspieltruppe ein. In einer anderen Ecke tranken drei Fremde, die trotz der Wärme im Raum ihre Kapuzenmäntel nicht abgelegt hatten, mäßig vor sich hin und unterhielten sich fast den ganzen Abend leise untereinander. Später hieß es, das seien Wachsoldaten des Konnetabels gewesen, aber ich weiß nicht, was die im Sauschwanz zu suchen gehabt hätten, und zweifle an dieser Geschichte. Es gibt näher an der Hauptburg gelegene Schänken, wo die Garden zudem unter angenehmeren Umständen trinken können. Es wurde sogar behauptet, einer dieser vermummten Männer sei der junge Prinz selbst gewesen - angeblich mischte er sich gern unters gemeine Volk, um etwas über das Leben der Leute zu erfahren -, aber auch das halte ich für erfunden. Die Leute sehen bei jedem schicksalsschweren Geschehnis die Hand von Prinzen und Hierarchen im Spiel, aber es gibt auf dieser Welt so viele schicksalsschwere Geschehnisse, daß die Prinzen und Hierarchen auf jedweden Schlaf verzichten müßten, um dort überall die Hand im Spiel zu haben. Im Schankraum waren an jenem Abend noch ein paar andere Stammgäste, darunter ein Dichter und Gelegenheitsbetrüger namens Thom Regin (den allerdings die meisten, die ihn kannten, vermutlich eher als Berufsbetrüger und Gelegenheitsdichter bezeichnet hätten) und eine Jellonierin namens Doras, der man wohl als einzige Tugend zugute halten konnte, daß sie nicht lange um Preise feilschte. Doras, die zeitweilig mit dem dickbäuchigen, stimmgewaltigen Regin, so dieser gerade nüchtern war, eine Art Verhältnis unterhielt, hatte an jenem Abend einen Fremden mitgebracht, einen dunkelhaarigen, blassen Mann, den sie als John Sommerle oder Summerlea vorstellte (mir sind beide Schreibweisen des Namens begegnet), und von dem sie sagte, er sei Seemann. Sommerle selbst sagte nicht viel. Ich kann mich, wie gesagt, nicht erinnern, daß an diesem Abend irgend etwas Ungewöhnliches oder Ungehöriges geschehen wäre. Thom Regin - der meiner Meinung nach nicht sonderlich glücklich war, daß Doras sich mit einem anderen Begleiter abgab, es aber nicht offen sagte - rezitierte irgendwann ein Gedicht über einen Mann, der mit einer Elbenprinzessin ins Bett steigt, am Morgen aber feststellen muß, daß ihn die Zwielichtler behext haben und seine Gefährtin in Wirklichkeit eine Sau ist. Aus irgendeinem Grund nahm Sommerle an diesen Versen Anstoß und drohte Regin, ihn zu erdolchen, wenn auch das Messer faktisch nie gezückt wurde. Arvald, der Wirt, trat dazwischen, und nur Doras´ tränenreiches Flehen hielt ihn davon ab, John Sommerle augenblicklich hinauszuwerfen. Die drei Kapuzenmänner interessierten sich, soweit ich es mitbekam, herzlich wenig für diesen Streit. Später am Abend, als ich ganz damit beschäftigt war, den Schankknecht zu spielen, und daher nicht sah, was vor sich ging, kam es zu irgendeinem Zerwürfnis zwischen Sommerle und Doras, und Sommerle verließ den Sauschwanz. Er kehrte nicht mehr zurück, jedenfalls nicht, solange die Schankstube geöffnet war. Als die Glocke im Trigontempel läutete und die Sperrstunde nahte, schienen sich die Jellonierin und Thom Regin wieder versöhnt zu haben. Sie streichelte sein Gesicht und zupfte ihn zärtlich am Bart, während er ihr burleske Verse vortrug, diesmal über Weiber, die ihr Herz an Elbenprinzen verloren. Da er sich offenbar mit einem solchen unsterblichen und magischen Liebhaber gleichsetzte, fand ich, daß er sich ein wenig überschätzte - Regin war nicht gerade der Unwiderstehlichste. Jedenfalls war das das letzte, was ich von ihm mitbekam. Arvald rief alle Anwesenden auf, ihre Krüge zu leeren. Er hatte die Eingangstür noch nicht abgeschlossen, und es waren immer noch ein paar Gäste in der Schankstube, als er mich zu Bett schickte. Das war an diesem Abend das erste, was mir sonderbar vorkam: Normalerweise ließ Arvald mich nicht gehen, ehe nicht der letzte Krug gespült und sämtliche Bänke und Tische abgewischt waren. Mitten in der Nacht weckte mich der laute Schrei einer Frau. Sofort drang mir scharfer Rauchgeruch in die Nase. Über meine trägeren Zimmergenossen hinweg stolperte ich hinaus und die Treppe hinab. Zwischen erstem Stock und Erdgeschoß prallte ich beinah mit einer dunklen Gestalt zusammen. Es war Doras, mit zerwühltem Haar und verrutschter Kleidung, als ob sie gerade aus dem Bett käme, wenn auch nicht unbedingt aus dem Schlaf. "Wo ist mein Riggin?" sagte sie, und wegen ihres jellonischen Akzents verstand ich sie kaum. "Mein Rig, wo ist er?" Ich zwängte mich an ihr vorbei und hastete hinunter in die Gaststube. Hier loderten Flammen, aber nicht im Kamin, sondern im Strohboden am anderen Ende des Raums. Gleich neben diesem Feuer, aber nicht in den Flammen selbst, lag ein dunkles Etwas. Ich beugte mich hinab und sah den Dichter Regin daliegen, die Stirn eingedrückt wie eine Eierschale. Blut rann ihm aus Nase und Mund. Er lag ganz in der Nähe eines der hölzernen Stützpfeiler, die die Decke trugen. Es hätte wohl sein können, daß er sich den Schädel an dem Pfeiler eingerannt hatte, wenn er durch den Raum gelaufen war, ohne zu gucken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich glaube, aber für unmöglich erklären kann ich es auch nicht.
In dem Moment jedenfalls hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken. Das Feuer fraß sich bereits im Stroh voran. Noch wenige Augenblicke, und ich würde von den Flammen umzingelt und eingeschlossen sein. Ich versuchte, den Dichter hinauszuschleifen, obwohl ich wußte, daß er tot war. Aber er war zu schwer. Man darf nicht vergessen, daß ich zu jener Zeit noch ein Hänfling war und Regin wohl fast doppelt so viel wog wie ich. Viele weitere starben jedoch, als das Feuer auf die Nachbardächer übergriff und auch die Mietshäuser in der Blechschlägergasse erreichte, wo in jedem der drei- bis vierstöckigen Gebäude Hunderte von Menschen wohnten. Alles in allem ließen in der schrecklichen Feuersbrunst, die vom Sauschwanz ausging, über zwei Dutzend Menschen ihr Leben, und etliche hundert verloren ihr Zuhause. Das Feuer hätte noch viel größere Teile der Stadt vernichtet, wäre es nicht auf zwei Seiten von der Skimmerlagune und auf einer von der Stadtmauer selbst eingedämmt worden. An den Geschehnissen jenes Abends war, wie ich schon sagte, nicht viel Sonderbares, wohl aber an dem, was danach geschah. Arvald, der Wirt des Sauschwanz, verschwand wenige Tage nach dem Brand. Die einen sagten, da sei außer kostspieligen und sinnlosen Bergungsarbeiten nichts mehr gewesen, was ihn in Südmarksburg gehalten habe, und deshalb sei er auf die vuttischen Inseln zurückgekehrt. Andere vermuteten den Grund darin, daß sein Gewissen alles andere als rein war. Warum er allerdings sein eigenes Gasthaus angezündet haben sollte, konnten bis jetzt nicht einmal diejenigen erklären, die diese Anschuldigung erhoben. Als Thom Regins Leichnam aus der Asche geborgen wurde, war er nur noch verkohltes Fleisch und schwarze Knochen, und nichts, was ich hätte sagen können, hätte irgend etwas geändert, also erzählte ich niemandem, wie ich ihn gefunden hatte. Ich war jung und nicht darauf erpicht, in einer so wenig schmeichelhaften Situation das Augenmerk der Behörden auf mich zu ziehen. Ich hätte vielleicht geredet, wenn Sommerle noch da gewesen wäre, aber auch der war verschwunden. Niemand hatte ihn mehr gesehen, seit ihn Arvald zur Tür des Sauschwanz hinausbefördert hatte. Doras, die Jellonierin, war bei den Ermittlungen keine große Hilfe. Sie konnte nicht über den fraglichen Abend sprechen, ohne in Tränen auszubrechen, und ein, zwei Jahre später erlag sie ohnehin den Blattern.
War es einfach nur ein unseliger Zufall, daß der Sauschwanz abbrannte? Es spielt wohl keine große Rolle, weil bald schon ein neues Gasthaus auf der Asche des alten erbaut wurde und weil die ältesten Teile des Gebäudes ohnehin unter der Erde oder in der Stadtmauer lagen und daher unversehrt blieben. Es gibt noch wildere Spekulationen, die sich zumeist auf die angebliche Anwesenheit jenes Mannes gründen, der später unser König Olin werden sollte, aber für mich klang noch jede dieser Geschichten wie die wirre Erfindung eines Verrückten. Daß ein König, der sich noch den ärmsten und geringsten seiner Untertanen gegenüber stets gütig gezeigt hat, seine Wachen anweisen sollte, ein tödliches Feuer zu legen, nur um die Tatsache zu vertuschen, daß er eine Schänke besucht hatte ... das ergibt doch einfach keinen Sinn. Soweit also die Geschichte der Feuersbrunst, die den alten Sauschwanz zerstörte. Man sagte mir übrigens, daß diese schreckliche Tat oder unselige Fügung nur eine historische Tradition fortgesetzt habe - daß der Sauschwanz, der dabei abbrannte, schon mindestens das vierte oder fünfte Haus dieses Namens an eben jener Stelle der Knarrstufengasse, zwischen Spengler- und Blechschlägergasse, gewesen sei. Dies ist eine jener Geschichten, die höchst unbefriedigend sind, weil sie wahr sind. Was das alles bedeutet, wenn es denn etwas bedeutet - darüber zu befinden, liegt beim geneigten Leser selbst. -- niedergeschrieben von Finn Teodoros am neunten Tag des elften Monats im Jahre 1314 © Tad Williams, Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann [Eine weitere Leseprobe: Kurze Geschichte Eions] |