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Shadowmarch - Band 1: Die Grenze
Vorspiel
Komm, Träumer, komm fort. Bald wirst du Zeuge von Dingen werden, die nur
Schläfer und Zauberkundige sehen. Besteige den Wind und laß dich von ihm
tragen – ja, er ist ein schnelles und furchterregendes Roß, aber vor dir
liegen Meilen und Abermeilen, und die Nacht ist kurz.
Höher als ein Vogel fliegst du dahin, über die dürren Lande des südlichen
Kontinents Xand, über den gewaltigen Tempelpalast des Autarchen, der sich
Meile um Meile die steinernen Kanäle des großen Xis entlang zieht. Du
hältst nicht inne – nicht sterblichen Königen gilt heute dein Interesse,
nicht einmal dem mächtigsten von allen. Du fliegst vielmehr über den Ozean
zum nördlichen Kontinent Eion, über das zeitlose Hierosol, einst Zentrum
der Welt, jetzt aber Spielzeug von Räubern und Kriegsherren, doch auch
hier säumst du nicht. Du willst weiter, saust über Fürstentümer hinweg,
die bereits den Legionen des Autarchen tributpflichtig sind, und über
andere, die es noch nicht sind, aber bald sein werden.
Jenseits der himmelhohen Berge, die den Südteil Eions vom Rest abgrenzen,
jenseits der weglosen Wälder nördlich der Berge, erreichst du die grünen
Lande der Freien Königreiche und schwingst dich tief über Felder und Fluren,
über das blühende Herzland des mächtigen Syan (das einst noch viel mächtiger
war), über weite Äcker und vielbereiste Straßen, über den bröckelnden
Stein alter Adelssitze und weiter bis in die Marken, die an das graue
Land jenseits der Schattengrenze stoßen und die nördlichsten noch von
Menschen bewohnten Gefilde sind.
An der Schwelle zu jenen verlorenen, nicht zur Menschenwelt gehörigen
Regionen des Nordens, im Königreich Südmark, steht hoch über einer weiten
Bucht eine alte Burg, eine Feste, ringsum geschützt von Wasser, so würdevoll
und schweigend wie eine Königin, die ihren königlichen Gemahl überlebt
hat. Sie ist von prächtigen Türmen gekrönt, und die Dächer der niedrigeren
Gebäude bilden ihren kunstvollen Flickenrock. Ein schmaler Dammweg zieht
sich von der Burg zum Festland wie eine Schleppe, fächert sich dann auf
zum Festlandsteil der Stadt, der in den Hügelfalten und am Buchtufer liegt.
Die alte Festung ist jetzt Wohnstatt von Menschen, wirkt aber dennoch
zuweilen wie etwas anderes, etwas, das sich an diese Sterblichen gewöhnt
hat und sich sogar herabläßt, ihnen Schutz zu gewähren, sie aber nicht
wirklich liebt. Dennoch fehlt es ihr nicht an Schönheit, dieser imposanten
Stätte mit ihren stolzen, windgezausten Fahnen und ihren sonnenlichtgefleckten
Straßen. Doch obwohl diese Felsenburg der letzte helle und einladende
Ort ist, den du siehst, ehe du in das Land der Stille und des Nebels gelangst,
und obwohl das, was du dort in Kürze sehen wirst, finstere Folgen für
diesen Ort haben wird, endet deine Reise nicht hier in Südmark – noch
nicht. Heute ruft es dich anderswohin.
Du suchst den Spiegelbildzwilling dieser Burg, weit droben im Norden,
die mächtige Festung der unsterblichen Qar.
Und jetzt, so plötzlich, als trätest du über eine Schwelle, bist du in
deren Zwielichtland. Und obgleich die Feste Südmark, nur einen kurzen
Ritt hinter dir, jenseits der Schattengrenze, noch von heller Nachmittagssonne
beschienen ist, liegt diesseits des nebligen Grenzwalls alles in ewiger
Abendstille. Die Wiesen sind hoch und dunkel, das Gras glänzt von Tau.
Tief über den Hals des Windes gebeugt, bemerkst du, daß die Straßen unter
dir so bleich wie Aalfleisch schimmern und ein kompliziertes Muster zu
bilden scheinen, als ob ein Gott sein geheimes Tagebuch in den nebelverhangenen
Erdboden geschrieben hätte. Du fliegst hoch über sturmwolkenverhüllte
Berge hinweg und über Wälder, so weit wie Königreiche. Im Dunkel unter
den Bäumen glühen Augen, und Stimmen wispern durch leere Schluchten.
Und jetzt endlich erblickst du dein Ziel, hoch und rein und stolz am Ufer
eines dunklen Binnenmeers.Wenn die Südmarksfeste schon etwas Anderweltliches
hatte, scheint an dieser Festung kaum etwas von deiner Welt: eine Million
Millionen Steine sind hier aufeinandergetürmt, Onyx auf Jaspis, Obsidian
auf Schiefer, und obgleich diesen Türmen eine raffinierte Symmetrie innewohnt,
ist es doch eine Art von Symmetrie, die Sterblichen auf den Magen schlägt.
Du landest jetzt, steigst endlich vom Wind, um durch die labyrinthischen,
oft engen Gänge zu eilen, wobei du dich aber an die breitesten und bestbeleuchteten
hältst: Es ist nicht gut, unvorsichtig durch Qul-na-Qar zu wandern, dieses
älteste aller Bauwerke (dessen Steine, wie es heißt, vor so vielen Ewigkeiten
gebrochen wurden, daß die junge Erde noch warm war), und außerdem hast
du nicht viel Zeit. Das Schattenvolk der Qar hat ein altes Sprichwort,
das da, grob übersetzt, lautet: »Selbst das Buch der Trauer beginnt mit
einem Wort.« Das heißt, daß auch die wichtigsten Dinge einen simplen Anfang
haben, wenn man ihn manchmal auch erst viel, viel später benennen kann
– einen ersten Schwertstreich, ein Saatkorn, ein nahezu lautloses Luftholen,
ehe ein Lied ertönt. Deshalb hast du es jetzt so eilig: Die Abfolge von
Geschehnissen, die schließlich nicht nur Südmark, sondern die gesamte
Welt bis in die Grundfesten erschüttern wird, beginnt hier und jetzt,
und du wirst Zeuge sein.
In den Tiefen von Qul-na-Qar liegt eine Halle. Natürlich gibt es in Qul-na-Qar
viele Hallen, so viele wie Zweige an einem alten, abgestorbenen Baum –
ja, selbst in einem ganzen Garten solcher Bäume –, aber selbst jene, die
Qul-na-Qar nur während des unruhigen Schlafs einer schlimmen Nacht geschaut
haben, wüßten, welche Halle es ist. Sie ist dein Ziel. Komm weiter. Die
Zeit wird knapp.
Die Halle ist so groß, daß es eine Stunde dauern würde, sie zu durchmessen,
oder jedenfalls wirkt es so. Erhellt ist sie von zahllosen Fackeln, aber
auch von anderen, ungewöhnlicheren Lichtern, die wie Glühwürmchen unter
dem dunklen, zum Abbild von Stechpalmenund Schwarzdornästen geschnitzten
Gebälk glimmen. An beiden Längswänden reihen sich Spiegel, jedes Oval
so dick mit Staub bedeckt, daß man kaum damit rechnen würde, darin auch
nur den schwächsten Widerschein der Funkellichter und Fackeln zu erblicken,
aber noch erstaunlicher ist, daß in dem trüben Glas auch andere, dunklere
Formen erkennbar sind. Diese Schemen sind auch dann da, wenn die Halle
leer ist.
Jetzt ist die Halle nicht leer, sondern voller Wesen, schöner und schauriger.
Wenn du in diesem Moment über die Schattengrenze zurückversetzt würdest,
auf einen der großen Märkte der südlichen Hafenstädte, und dort Menschen
aus der ganzen, weiten Welt in all ihren unterschiedlichen Gestalten,
Größen und Farben an einem Ort sähst, würdest du doch über ihre Einförmigkeit
staunen, nachdem du die Qar in ihrer hohen, dunklen Halle versammelt gesehen
hast. Manche sind so überwältigend schön wie junge Götter, so groß und
wohlgestaltet wie die majestätischsten Königinnen und Könige der Menschen.
Andere sind so klein wie Mäuse.Wieder andere sind Wesen aus den Albträumen
Sterblicher, klauenfingrig, schlangenäugig, bedeckt mit Federn, Schuppen
oder öligem Pelz. Sie füllen die Halle vom einen Ende zum anderen, gestaffelt
nach komplizierten, uralten Rangordnungen, tausend verschiedene Gestalten,
geeint nur durch die heftige Abneigung gegen die Menschen und, in diesem
Moment, durch tiefes Schweigen.
Am Kopfende des langen, spiegelgesäumten Raums sitzen zwei Gestalten auf
hohen Steinthronen. Beide sind von menschenähnlichem Aussehen, aber mit
einem so übernatürlichen Einschlag, daß nicht einmal ein betrunkener Blinder
sie tatsächlich für Menschen halten könnte. Beide sitzen ganz still, aber
bei der einen fällt es schwer zu glauben, daß sie keine Statue aus hellem
Marmor ist, so steinern wie der Stuhl, auf dem sie sitzt. Ihre Augen sind
offen, aber so leer wie gemalte Puppenaugen, als ob die Seele aus dem
anscheinend jungen, weißgewandeten Körper entflohen und so weit davongeflogen
wäre, daß sie nicht mehr zurückfindet. Die Hände liegen in ihrem Schoß
wie tote Vögel. Sie hat sich seit Jahren nicht mehr bewegt. Nur das kaum
merkliche Heben und Senken der Brust in quälend langen Abständen verrät,
daß sie atmet.
Ihr Gefährte ist zwei Handbreit größer als ein durchschnittlicher Sterblicher,
aber das ist auch schon das Menschenhafteste an ihm. Das blasse Gesicht,
das einst überwältigend schön war, ist über die Jahrhunderte so hart und
scharf geworden wie ein windgeschliffener Felsgrat. Er ist immer noch
von einer schrecklichen Schönheit, so gefährlich anziehend wie die Gewalt
eines Sturms, der übers Meer braust. Seine Augen, da bist du dir sicher,
wären so klar und tief wie der Nachthimmel, unendlich kühl und weise,
aber sie verbergen sich unter einem Tuch, das am Hinterkopf geknotet und
von seinem langen, mondsilbernen Haar verhangen ist.
Es ist Ynnir, der blinde König, aber die Blindheit ist nicht nur auf seiner
Seite. Nur wenige Sterbliche haben ihn geschaut, und kein lebender Mensch,
ob Mann oder Frau, hat ihn je außerhalb von Träumen erblickt.
Der Herrscher des Zwielichtvolkes hebt die Hand. Es war bereits still
in der Halle, aber jetzt wird die Stille noch tiefer. Ynnir flüstert,
aber alles im Raum hört ihn. »Bringt das Kind.«
Vier kapuzenverhüllte, menschenähnliche Gestalten bringen eine Trage aus
dem Schattendunkel hinter den Zwillingsthronen und setzen sie zu Füßen
des Königs ab. Darauf liegt, zusammengekrümmt, etwas, das aussieht wie
ein männliches Menschenkind; das feine, strohblonde Haar klebt in feuchten
Kringeln um das schlafende Gesicht. Der König beugt sich vor, als ob er
trotz seiner Blindheit das Kind betrachten und sich seine Züge einprägen
wollte. Er greift in seine grauen Gewänder, die einst prächtig waren,
jetzt aber sonderbar fadenscheinig und fast so staubig wie die großen
Spiegel sind, und zieht einen kleinen Beutel an einer Schnur hervor, die
Art Säckchen, in der ein Sterblicher vielleicht ein Amulett oder heilkräftige
Kräuter um den Hals tragen würde. Ynnirs lange Finger streifen dem Knaben
behutsam die Schnur über den Kopf, schieben dann den Beutel unter sein
grobes Hemd, auf die schmale Kinderbrust. Dabei singt der König leise
und monoton vor sich hin. Nur die letzten Worte sind laut genug, daß man
sie versteht.
Bei
Stern und Stein, es ist getan
Nicht Stein noch Stern vereiteln soll den Plan
Ynnir
schweigt eine ganze Weile, ein Zögern, das fast schon menschlich wirkt.
Doch als er dann spricht, sind seine Worte klar und bestimmt. »Bringt
ihn weg.« Die vier Gestalten heben die Trage an. »Paßt auf, daß euch im
Sonnenland niemand sieht. Reitet schnell hin und zurück.«
Der Anführer der Vermummten neigt einmal kurz den Kopf, dann sind sie
mit ihrer schlafenden Last verschwunden. Der König wendet sich kurz der
blassen Frau an seiner Seite zu, fast als würde er erwarten, daß sie ihr
langes Schweigen bricht. Aber sie rührt sich nicht, geschweige denn, daß
sie spräche. Er wendet sich an die übrigen Anwesenden, all die begierigen
Augen, die tausend gespannten Gestalten – und auch an dich,Träumer. Nichts,
was die Schicksalsgöttinnen bereits gewoben haben, bleibt Ynnir verborgen.
»Es beginnt«, sagt er. Jetzt ist die Stille der Halle gebrochen. Gemurmel
erfüllt den spiegelgesäumten Raum, eine Flut von Stimmen,
die immer mehr anschwillt, bis sie von dem dunklen, zu Dornzweigen
geschnitzten Gebälk widerhallt. Als sich schließlich lautes Singen
und Rufen durch die endlosen Gänge von Qul-na-Qar ergießt, läßt
sich schwer sagen, ob dieser schreckliche Lärm ein Triumph- oder ein
Klagegesang ist.
Der blinde König nickt langsam. »Jetzt endlich beginnt es.«
Denk daran,Träumer, wenn du siehst, was folgen wird. Wie der blinde König
sagte: Dies ist ein Beginn.Was er nicht sagte, was aber dennoch wahr ist:
Das, was hier beginnt, ist das Ende der Welt.
[Eine weitere Leseprobe: Die Lindwurmjagd]
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