Leseprobe zu Band 2: Das Spiel
Kapitel 1: Auf der Flucht
Wenn, wie viele der Tiefen Stimmen glauben, das Dunkel
ebenso etwas ist wie das Licht, was kam dann als erstes nach dem Nichts - das
Dunkel oder das Licht ? Die Gesänge der ältesten Stimmen behaupten,
dass da ohne einen Hörenden kein erstes Wort sein könne: dass das
Dunkel war, ehe das Licht wurde. Die einsame Leere gebar das Licht der Liebe,
und danach schufen sie alles, was sein würde - das Gute und das Schlechte,
das Lebendige und das Unbelebte, das Gefundene und das Verlorene.
(Einhundert Grundsteine, Buch der Trauer)
Es war ein schrecklicher Traum. Der junge Dichter Matty Kettelsmit
trug eine Trauerode für Barrick vor, lauter hochtrabenden Quatsch über
die liebenden Arme Kernios' und den warmen Schoß der Erde, aber Briony
sah mit Entsetzen, wie der Sarg ihres Zwillingsbruders wackelte und bebte. Etwas
darin wollte heraus, und der alte Hofnarr Puzzle mühte sich, den Sarg zuzuhalten.
Er umklammerte ihn mit der ganzen Kraft seiner dürren Arme, während
der hölzerne Kasten unter ihm zitterte und der Deckel knackte und ächzte.
Lasst ihn raus, wollte sie schreien, konnte aber nicht
- ihr Schleier war so dicht und lag so eng an, dass sie nichts herausbrachte.
Sein Arm, sein verkrüppelter Arm ! Was musste er für Schmerzen
leiden, ihr armer, toter Barrick, wenn er in dieser Enge so heftig kämpfte.
Andere Anwesende, Höflinge und königliche Garden,
halfen dem Hofnarren, den Deckel niederzudrücken. Dann trugen sie den Sarg
hastig aus der Kapelle. Briony eilte hinterher, doch statt in die Sonne des
grasbewachsenen Friedhofs führte der Ausgang der Kapelle direkt in ein
Labyrinth von dunklen, steinernen Gängen. In ihren sperrigen Trauerkleidern
konnte Briony mit dem eiligen Trauerzug nicht Schritt halten und verlor ihn
rasch aus den Augen; bald hörte sie nur noch das erstickte Keuchen ihres
geliebten Zwillingsbruders, der dort gefangen im Sarg lag, aber auch diese letzten
Laute wurden immer schwächer ...
Mit rasendem Herzen fuhr Briony hoch und fand sich in eiskaltem
Dunkel, aus dem ferne Sterne glitzerten. Das Boot schaukelte unter ihr, und
die Ruder quietschten leise in ihren Halterungen, während Ena, das Skimmermädchen,
mit der mühelosen Geschmeidigkeit eines spielenden Otters die Ruderblätter
durchs Wasser zog.
Nur ein Traum! Zoria sei Preis und Dank! Dann lebt Barrick
also noch - ich wüsste es, wenn nicht. Doch obwohl der Rest des schrecklichen
Albtraums dahingeschmolzen war wie Nebel, war das raue, mühsame Atmen immer
noch da. Sie drehte sich um und sah Shaso dan-Heza hinter sich im Boot lehnen,
die Augen geschlossen, die Zähne zusammengebissen und gebleckt, sodass
sie in seinem dunklen Gesicht vom Sternenlicht schimmerten. In seiner Kehle
rasselte es; der alte Tuanikrieger schien dem Tod nahe.
»Shaso ? Könnt Ihr sprechen ?« Als er nicht antwortete,
packte Briony das Skimmermädchen an der schmalen, festen Schulter. »Er
ist krank, verfluchtes Geschöpf ! Hörst du's denn nicht ?« »Natürlich
höre ich ihn, Herrin.« Die Stimme des Mädchens war überraschend
hart. »Glaubt Ihr, ich wäre taub ?«
»Tu was ! Er stirbt !«
»Was soll ich denn tun, Prinzessin Briony ? Ich habe seine
Wunden gereinigt und verbunden, ehe wir das Haus meines Vaters verlassen haben,
und ich habe ihm gutes Seekraut als Arznei gegeben, aber er fiebert immer noch.
Er braucht Ruhe und ein warmes Feuer, und vielleicht würde ihm nicht mal
das helfen.«
»Dann müssen wir an Land ! Wie weit noch bis zur Küste
von Marrinswalk?«
»Noch mal die halbe Nacht, Herrin, mindestens. Deshalb fahre
ich ja wieder zurück.«
»Zurück ? Hast du den Verstand verloren ? Wir
sind auf der Flucht vor Mördern ! Die Burg ist jetzt in den Händen
meiner Feinde !«
»Ja, und die Feinde werden Euch hören, Herrin, wenn
Ihr so laut schreit.«
Briony konnte das Gesicht unter der Umhangkapuze kaum erkennen,
aber sie merkte auch so, dass das Mädchen sich über sie lustig machte.
Dennoch, in einem jedenfalls hatte Ena recht: »Gut, ich werde leiser reden -
und du wirst dich klar und deutlich ausdrücken ! Was hast du vor
? Wir können nicht auf die Burg zurück. Dort wäre Shaso der Tod
sicher, da könnten wir ihn ebenso gut hier und jetzt ins Wasser werfen.
Und mich würden sie auch töten.«
»Ich weiß, Herrin. Ich hab ja nicht gesagt, dass ich
Euch wieder zur Burg zurückbringe. Ich hab nur gesagt, ich rudere wieder
zurück. Wir brauchen so schnell wie möglich ein Dach überm Kopf
und ein Feuer. Ich bringe Euch an eine Stelle in der Bucht, östlich der
Burg - Skean Egye-Var heißt sie bei meinem Volk - >Erivors Schulter< in
Eurer Sprache.«
»Erivors Schulter ? So einen Ort gibt es nicht ... !«
»Doch, und da steht ein Haus - ein Haus, das Eurer Familie
gehört.«
»Es gibt keinen solchen Ort !« Einen Moment lang war Briony
so wütend und entsetzt bei der Vorstellung, dass Shaso in ihren Armen sterben
würde, dass sie das Mädchen beinahe geschlagen hätte. Dann begriff
sie plötzlich. »M'Helansfels ! Du meinst das Jagdhaus auf dem M'Helansfels.«
»Ja. Und da vorn ist es.« Das Skimmermädchen hielt die
Ruder still und zeigte auf eine dunkle Erhebung am nahen Horizont. »Preis sei
denen in der Tiefe, da scheint niemand zu sein.«
»Da hat auch niemand zu sein - wir waren diesen Sommer nicht
dort, jetzt, wo Vater weg ist und überhaupt. Kannst du dort anlegen?«
»Ja, Herrin, wenn Ihr mich drüber nachdenken lasst,
was ich tue. Um diese Nachtzeit, kurz vor dem Morgen, ist die Strömung
stark.«
In bangem Schweigen saß Briony da, während das
Skimmermädchen die Ruder so geschickt bewegte, als wären sie Fortsätze
ihrer Arme, und das bockende Boot in einem quälend langsamen Bogen um die
Insel steuerte, auf der Suche nach der Einfahrt zwischen den Felsen.
Sonst war Briony immer auf der königlichen Bark hierher
gelangt, hatte hoch überm Wasser an der Reling gestanden, während
die Seeleute des Königs an Bord hin und her geeilt waren, um dafür
zu sorgen, dass die Einfahrt glatt verlief. Deshalb war ihr bisher nie aufgefallen,
wie schwierig dieses Manöver war. Jetzt, da die Felsen über ihr dräuten
wie Riesen und die Wellen Enas kleines Boot auf und ab tanzen ließen,
als wäre es nur ein Schaumflöckchen auf einem Eimer mit schwappendem
Putzwasser, umklammerte sie in stummer Furcht mit einer Hand das Dollbord und
mit der anderen eine Falte des dicken, groben Hemds, das die Skimmer Shaso gegeben
hatten, im Bemühen, den alten Mann aufrecht zu halten.
Als es gerade so aussah, als hätte sich das Skimmermädchen
verschätzt, als würde ihr Boot zermalmt werden wie Vogelknochen zwischen
den Kiefern eines Wolfs, tauchten die Ruder energisch ins dunkle Wasser, und
sie glitten am Muschelbewuchs eines Felsens vorbei, so dicht, dass Briony schnell
die Hand wegziehen musste, um ihre Finger zu retten. Der hölzerne Rumpf
schrappte ganz leicht den Fels entlang, sodass ein kurzes Zittern durch das
Boot lief, dann waren sie vorbei und in der vergleichsweise ruhigen Einfahrt
angelangt.
»Du hast es geschafft !«
Ena nickte bemüht gelassen, während sie sie durch
die Einfahrt zu dem Schwimmsteg ruderte, der an der Felswand festgekettet war.
Wenige Meter entfernt, auf der Seeseite, wüteten die Wellen wie ein erzürntes
Raubtier, dem die Beute entgangen war, aber hier ging nur eine sanfte Dünung.
Als das Boot festgemacht war, schafften sie es irgendwie, Shasos schwere, schlaffe
Gestalt die kurze Leiter hinauf und auf den salzverkrusteten Steg zu hieven.
Ena sank neben Shaso in die Knie. »Ich muss mich ausruhen
. nur ein bisschen .«, sagte sie mit hängendem Kopf.
Briony dachte, welche Strapaze es für das Skimmermädchen
gewesen sein musste, so viele Stunden zu rudern, um sie von der Burg hierher
in diesen sicheren kleinen Hafen zu bringen. »Ich war roh und undankbar«, sagte
sie zu Ena. »Bitte verzeih mir. Ohne deine Hilfe wären Shaso und ich längst
tot.«
Ena sagte nichts, nickte aber. Möglich, dass sie in
der Tiefe ihrer Kapuze leise lächelte, aber es war so dunkel, dass Briony
es nicht genau erkennen konnte.
»Während ihr beide euch ausruht, gehe ich hinauf ins
Jagdhaus und sehe nach, was ich finden kann. Bleibt hier.« Briony breitete ihren
Mantel über Shaso und erklomm dann die Stufen, die in den Fels gehauen
waren. Sie waren zwar schlüpfrig von Gischt und Nachttau, aber breit und
so vertraut, dass Briony sie im Schlaf hätte hinaufsteigen können.
Zum ersten Mal schöpfte sie wieder Hoffnung. Sie kannte diesen Ort gut
und wusste um seine Annehmlichkeiten. Sie hatte sich schon damit abgefunden
gehabt, die erste Nacht ihrer Flucht in einer Höhle am Strand von Marrinswalk
oder im Gesträuch auf der Leeseite einer Felsklippe zu verbringen - hier
würde sie immerhin ein Bett vorfinden.
Das Jagdhaus auf dem M'Helansfels war für eine von Brionys
Vorfahrinnen, Ealga Flaxenhaar, erbaut worden - eine Liebesgabe ihres Gatten,
König Aduan, sagten die einen, ein Gefängnis, meinten andere. Wie
auch immer, das war nur noch ein verblassendes Stück Familienmythos, da
die Hauptpersonen schon über hundert Jahre tot waren. In Brionys Kindheit
hatten die Eddons jeden Sommer mindestens ein Tagzehnt auf der Insel verbracht,
aber manchmal waren sie auch wesentlich länger geblieben, weil ihr Vater
Olin die Ruhe und Abgeschiedenheit so geschätzt hatte. Außerdem hatte
es ihm gefallen, dass er hier einen wesentlich kleineren Hofstaat um sich hatte,
oft nur Avin Brone als einzigen Ratgeber, ein Dutzend Bedienstete und ein unumgängliches
Minimum an Garden, und dass er nur wenige Besucher zu empfangen brauchte. Als
Kinder hatten Briony und Barrick (wie zweifellos viele andere Königskinder
vor ihnen) einen schmalen, schwer zu begehenden Pfad hinunter zu einer Strandwiese
entdeckt und es genossen, ein Plätzchen für sich allein zu haben,
wo sie ganze Nachmittage ohne Wachen und sonstige Erwachsene zubringen konnten.
Für Kinder, die praktisch immer von Bediensteten, Soldaten und Höflingen
umgeben waren, war die Strandwiese ein Paradies gewesen und das Sommerjagdhaus
ein Ort, mit dem sich fast nur schöne Erlebnisse verbanden.
Jetzt fand Briony es sehr seltsam, bei Nacht allein die Eingangstreppe
hinaufzugehen. Das vertraute Haus, aus dessen sämtlichen Fenstern warmes
Licht hätte strahlen müssen, lag in so völligem Dunkel, dass
sie kaum die Umrisse vor dem Himmel ausmachen konnte. Wie schon so oft in diesem
Jahr und vor allem in den letzten Wochen war wieder ein geliebter Teil ihres
Lebens aus den Fugen geraten, ein weiteres Stück Erinnerung von den Feinden
der Eddons gestohlen und entstellt worden.
Sie sah wieder Hendon Tollys spöttisches Gesicht vor
sich, seine Belustigung angesichts ihrer Hilflosigkeit, als er ihr erklärte,
wie er den Thron an sich zu reißen gedachte, und kalte Wut packte sie.
Du bist vielleicht nicht der einzig Schuldige an dem, was meiner Familie
widerfahren ist, du elender Gronefeld-Schurke, aber du bist derjenige, den ich
kenne und dessen ich habhaft werden kann. In diesem Moment fühlte sie
sich so kalt und hart wie der Fels der Bucht. Nicht jetzt - aber eines Tages.
Und wenn dieser Tag da ist, werde ich dir das Herz herausreißen, wie du
es mit meinem getan hast. Nur dass deines hinterher nicht mehr schlagen wird.
Sie versuchte es gar nicht erst an der schweren Vordertür,
weil sie wusste, dass die verschlossen war. Sie ging vielmehr herum zum Kücheneingang,
der einen schadhaften Riegel hatte, den man losrütteln konnte. Wie erwartet
brauchte sie nur ein paarmal ordentlich zu rütteln, und schon ging die
Tür auf, aber drinnen war es stockfinster. Noch nie war Briony hier gewesen,
ohne dass zumindest ein paar Lampen vor sich hingeglüht hatten, aber jetzt
war die Küche so lichtlos wie eine Höhle, und zuerst brachte sie es
einfach nicht über sich, hineinzugehen. Nur der Gedanke an Shaso, der auf
dem eiskalten Steg lag, leidend, vielleicht schon halb tot, trieb sie schließlich
durch die Türöffnung.
Monatelang in einer Kerkerzelle eingesperrt, und alles nur
wegen mir - mir und Barrick. Sie runzelte die Stirn. Na ja, und ein bisschen
auch wegen seiner eigenen Halsstarrigkeit.
Sie schaffte es, sich zum Herd zu tasten, wenn auch nicht
ohne eine Reihe unerfreulicher Begegnungen mit Spinnweben. Etwas huschte durchs
Dunkel - nur Mäuse, beruhigte sie sich. Nach einigem Suchen und etlichen
weiteren Spinnweben fand sie schließlich das Flintfeuerzeug in seiner
Nische im gemauerten Kamin und daneben eine Handvoll ölgetränkter
Späne. Mit etwas Mühe gelang es ihr, einen Funken zu schlagen, und
wenig später züngelte ein Flämmchen aus den Spänen, was
ihr den Mut gab, weiter zu tasten, einen Stapel von spillerigem Anfeuerholz
umzustoßen und ein paar kleinere Reiser auf das Feuerchen zu werfen, damit
es zu etwas Brauchbarem heranwuchs. Sie erwog, auch im Kamin der Haupthalle
Feuer zu machen. Es gab ihr einen Stich, als sie an ihren verschollenen Vater
dachte, der es immer als seine ureigenste Aufgabe angesehen hatte, dieses Feuer
zu entzünden. Aber sie wusste, es wäre töricht, Feuerschein aus
den Fenstern auf der Vorderseite des Hauses fallen zu lassen, der Seite, die
der Südmarksburg zugewandt war. Briony glaubte zwar nicht, dass jemand
den Lichtschimmer ohne Fernrohr sehen konnte, nicht mal von den Burgmauern aus,
aber wenn es eine Nacht gab, in der zu befürchten war, dass Hendon Tolly
und seine Männer mit Fernrohren auf den Mauern standen und ins Dunkel hinausspähten,
dann war es diese. Die Küche würde als Zuflucht genügen müssen.
Die Vorderseite des Sommerhauses war immer noch unvertraut
dunkel, als sie den steilen Pfad wieder hinabstieg, aber allein schon das Wissen,
dass in der Küche jetzt ein Feuer brannte, gab dem ganzen Ort etwas Freundlicheres,
und außerdem hielt sie jetzt eine abgeschirmte Laterne in der Hand, sodass
sie sehen konnte, wohin sie die Füße setzte.
Also haben wir den ersten Tag schon mal überlebt
- es sei denn, jemand hat das Boot gesehen, und sie sind hinter uns her.
Ängstlich blickte sie zur Burg hinüber: Da waren zwar Lichter, die
sich auf den Mauern bewegten, aber keinerlei Anzeichen für irgendwelche
Verfolger auf dem Wasser. Und wenn jemand kam, um den M'Helansfels abzusuchen,
ehe sie und Shaso wieder aufbrechen konnten ? Nun ja, sie kannte die Insel und
ihre Verstecke so gut wie sonst kaum jemand. Was tue ich da ?, schalt
sie sich. Ich sollte die Götter nicht versuchen, indem ich so etwas
auch nur denke ...
Shaso konnte zwar ein paar Schritte gehen, aber die beiden
jungen Frauen mussten doch alle Kraft aufwenden, um ihn die Treppe hinaufzubugsieren.
Es war ein Zeichen dafür, wie schwach er war, dass er nicht einmal protestierte.
Drinnen fand Briony Wolldecken, um den alten Mann einzuwickeln.
Dann setzte sie ihn in einen Winkel beim Herd, in Kissen gelehnt, die sie aus
dem überreichlich ausgestatteten Wohnzimmer, dem sogenannten Rückzugsgemach
der Königin, geholt hatte. Ena war bereits dabei, die wenigen Hinterlassenschaften
in den Schränken zu durchstöbern, in der Hoffnung, den Proviant, den
sie aus dem Haus ihres Vaters in der Skimmerlagune mitgebracht hatte, aufstocken
zu können. Aber Briony wusste, dass da nichts Essbares war. Ihr Mahl würde
wieder aus Dörrfisch bestehen. Dörrfisch war wesentlich besser als
hungern, ermahnte sie sich. Aber da Briony Eddon noch nie im Leben gehungert
hatte, war das ein abstrakter Trost.
Nachdem sie ihm ein, zwei Schlucke Fischsuppe eingeflößt
hatten, gab Shaso eindeutig zu verstehen, dass er selbst zu essen gedachte.
Obwohl er immer noch zu schwach und zu krank zum Sprechen war, schaffte er es,
immerhin so viel Suppe zu sich zu nehmen, dass Briony zum ersten Mal wieder
Hoffnung schöpfte, der alte Mann würde die Nacht doch überleben.
Jetzt spürte sie ihre eigene Erschöpfung. Sie schob ihre Schale von
sich und stierte darauf, kaum noch in der Lage, den Kopf hochzuhalten.
»Ihr seid müde, Hoheit«, sagte Ena. Briony konnte die
Mimik des Mädchens nicht so leicht deuten, glaubte aber, Freundlichkeit
und eine erstaunliche Kraft und Ruhe in Enas Zügen zu erkennen. Sie schämte
sich ein bisschen für ihre eigene Schwäche. »Geht, sucht Euch ein
Bett. Ich werde mich um Shaso-na kümmern, bis er einschläft«, sagte
das Skimmermädchen.
»Aber du bist doch selbst müde. Du hast die ganze Nacht
gerudert!«
»Damit bin ich aufgewachsen, wie mit dem Schwimmen und Netzeflicken.
Ich habe schon schwerer gearbeitet - und aus weniger wichtigem Grund.«
Briony musterte das Mädchen, die riesigen, runden, dunklen
Augen und die brauenlose, hohe Stirn, so glänzend wie Speckstein. War Ena
hübsch ? Schwer zu sagen, so vieles an ihr war ungewöhnlich, aber
angesichts ihres wachen Blicks und ihrer kräftigen, ebenmäßigen
Züge vermutete Briony, dass Ena unter ihresgleichen als hübsch galt.
»Na gut«, gab sie schließlich nach. »Das ist sehr nett
von dir. Ich nehme eine Kerze und lasse dir die Lampe hier. Bettzeug ist in
der Truhe in der Halle - ich lege dir und Shaso etwas heraus.«
»Er schläft wohl besser gleich hier«, sagte Ena leise,
vielleicht, um Shaso die Schmach zu ersparen, sie über sich reden zu hören
wie über ein Kind. »Das dürfte bequem genug sein.«
»Wenn das hier vorbei ist und die Tollys am Galgen verfaulen,
werden die Eddons ihre Freunde nicht vergessen.« Das Skimmermädchen zeigte
keine Reaktion, also beschloss Briony, sich klarer auszudrücken. »Ihr werdet
belohnt werden, dein Vater und du.«
Jetzt lächelte Ena unverkennbar, ja, es sah sogar so
aus, als verkniffe sie sich das Lachen, was Briony sehr verwirrte, aber das
Skimmermädchen sagte nur: »Danke, Hoheit. Es ist Ehrensache für mich,
zu tun, was ich kann.«
Verblüfft, aber zu müde, um darüber nachzudenken,
tastete sich Briony ins nächste Schlafgemach, schlug die staubige Decke
auf und streckte sich aus. Erst als der Schlaf sie hinabzog, fiel ihr wieder
ein, dass das hier immer Kendricks Zimmer gewesen war.
Dann komm eben zurück, erklärte sie, vor Erschöpfung
schon ganz benommen, ihrem toten Bruder. Komm zurück und such mich heim,
lieber, lieber Kendrick - du fehlst mir so . !
Doch der Schlaf, in den sie - langsam trudelnd wie eine Feder
im Brunnenschacht - sank, war nur undurchdringliches Dunkel, ohne Träume
und ohne Geister.
Die Insel war in Nebel gehüllt, aber der Morgen brachte
genug Licht, um das Sommerhaus auf dem M'Helansfels wieder zu einem vertrauten
Ort werden zu lassen - Licht, das durch die hohen Fenster hereindrang, die große
Halle in einen blaugrauen Schimmer tauchte, so sanft wie der von Perlmutt, und
die Statuen der heiligen Onirai in ihren Wandnischen aussehen ließ, als
erwachten sie zum Leben. Selbst die Küche schien wieder der heimelige Ort,
den Briony in Erinnerung hatte. Dinge, die sie in der Nacht vor Erschöpfung
gar nicht wahrgenommen hatte, der Geruch der Luft, die Schreie von Sturmtauchern
und Möwen, die schweren Möbel, abgewetzt und schartig, weil Generationen
von Eddon-Kindern daraus imaginäre Pferdekarawanen und Festungen erschaffen
hatten, erfüllten sie jetzt mit Sehnsucht und Trauer.
Weg. Alle. Barrick. Vater. Kendrick. Sie fühlte Tränen
in den Augen und wischte sie ärgerlich weg. Aber Barrick und Vater sind
noch am Leben - bestimmt. Benimm dich nicht wie ein blödes Mädchen.
Sie sind nicht weg, nur . woanders.
In das Heidekraut vor dem Haus geduckt, starrte sie lange
und angestrengt zur Burg hinüber. Am Fuß der äußeren Mauer
schienen sich ein paar Fackeln zu bewegen - Boote, die die Einfahrten und Höhlen
am Ufer des Midlanfels absuchten, aber keines schien sich weiter von der Südmarksfeste
entfernt zu haben. Für Briony ein Hoffnungsschimmer. Wenn sie selbst das
Sommerhaus vergessen hatte, konnte es doch sein, dass die Tollys auch nicht
daran denken würden, ehe sie und Shaso längst weg wären.
Wieder in der Küche, aß sie brav ihre Fischsuppe,
diesmal gewürzt mit wildem Rosmarin, den Ena in dem verwucherten, herrenlosen
Garten gefunden hatte. Briony wusste ja nicht, wann es wieder etwas zu essen
geben würde, und sie sagte sich, dass selbst Fischsuppe ein nobles Mahl
war, wenn sie ihr die Kraft gab zu überleben, damit sie Hendon Tolly eines
Tages etwas Spitzes ins Herz jagen konnte. Shaso aß ebenfalls, wenn auch
nicht viel geschickter oder flinker als in der Nacht. Aber er war nicht mehr
ganz so aschfahl, und sein Atem pfiff nicht mehr wie ein Blasebalg. Vor allem
jedoch war, trotz der dunklen Ringe um seine eingesunkenen Augen (die ihm, wie
Briony fand, etwas von einem Oniron wie Larkis oder Zakkas dem Zerlumpten oder
irgendeinem anderen sonnenverbrannten, durch die Einsamkeit der Wildnis dem
Wahnsinn verfallenen Propheten aus dem Buch des Trigon gaben), sein Blick wieder
klar und wach - der Blick des Shaso, den sie kannte.
»Heute können wir nirgends hin.« Er nahm noch einen
letzten Schluck, ehe er die leere Schale senkte. »Das wäre zu riskant.«
»Aber der Nebel verbirgt uns doch . ?«
Schon lag in Shasos Gesichtsausdruck wieder viel von seinem
alten Selbst: Ärger darüber, dass sie ihm widersprach, und Enttäuschung,
weil sie nicht gründlich genug nachgedacht hatte. »Vielleicht hier, in
der Bucht, Prinzessin. Aber was ist, wenn wir am späten Nachmittag irgendwo
landen, nachdem die Sonne den Nebel längst vertrieben hat ? Selbst wenn
uns keine Feinde sähen - glaubt Ihr, die Fischer dort würden ein so
ungewöhnliches Paar vergessen ?« Er schüttelte den Kopf. »Wir sind
Flüchtlinge, Hoheit. Alles, was war, ist ohne Bedeutung, wenn Ihr jetzt
Euren Feinden in die Hände fallt. Wenn Ihr ergriffen werdet, wird Hendon
Tolly Euch nicht vor Gericht stellen oder in den Kerker werfen, als Fanal für
die, die den Eddons noch treu sind. Nein, er wird Euch töten, und niemand
wird je Euren Leichnam zu Gesicht bekommen. Ein wenig Geraune, dass Ihr noch
am Leben seid, wird er gern in Kauf nehmen, solange er selbst weiß, dass
er Euch für immer los ist.«
Briony dachte an Hendons grinsendes Gesicht, und ihre Hände
zuckten. »Wir hätten den Gronefelds ihre Titel und Ländereien längst
nehmen sollen. Warum haben wir diesen ganzen Verräterhaufen nicht hingerichtet
?«
»Wann denn ? Wann haben sie sich je als Verräter zu
erkennen gegeben, ehe es zu spät war ? Schließlich war Gailon, auch
wenn ich ihn nicht leiden konnte, doch offenbar ein treuer Diener der Krone
und des Hauses Eddon - falls Hendon darin wenigstens die Wahrheit gesagt hat.
Und über Caradon wissen wir doch auch nur, was Hendon über ihn sagt,
also ist seine Schlechtigkeit ebenso wenig erwiesen wie Gailons Anständigkeit.
Die Welt ist seltsam, Briony, und sie wird nur noch seltsamer werden.«
Sie sah in sein strenges, ledriges Gesicht und schämte
sich, dass sie so dumm gewesen war und nicht besser über den kostbarsten
Besitz ihrer Familie gewacht hatte. Was musste er von ihr denken, ihr alter
Lehrer ? Was musste er von ihr und ihrem Zwillingsbruder halten, jetzt, da sie
den Eddon-Thron so gut wie preisgegeben hatten ?
Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, schüttelte
Shaso den Kopf. »Was vergangen ist, ist vergangen. Was vor uns liegt - das ist
alles, was zählt. Werdet Ihr mir vertrauen ? Werdet Ihr tun, was ich sage,
und nur was ich sage ?«
Trotz aller Fehler, die sie gemacht hatte, trotz ihres Selbstekels,
sträubte sich alles in ihr. »Ich bin kein Dummerchen, Shaso. Ich bin kein
Kind mehr.«
Einen Moment lang wurde sein Gesicht weicher. »Nein. Ihr
seid eine prachtvolle junge Frau, Briony Eddon, und Ihr habt ein gutes Herz.
Aber das ist jetzt nicht der Moment für Gutherzigkeit. Dies ist die Stunde
der Hinterlist, des Verrats und des Mordens, und mit all dem habe ich viel mehr
Erfahrung als Ihr. Ich bitte Euch, mir zu vertrauen.«
»Natürlich vertraue ich Euch - was meint Ihr damit ?«
»Dass Ihr nichts tut, ohne mich zu fragen. Wir sind Flüchtlinge,
auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Wie ich schon sagte: Alles, was war - Eure
Krone, die Geschichte Eurer Familie - bedeutet nichts mehr, wenn wir ergriffen
werden. Ihr müsst schwören, nichts ohne meine Erlaubnis zu tun, und
wenn es Euch noch so klein und unbedeutend erscheint. Bedenkt, ich habe meinen
Treueid Eurem Bruder Kendrick gegenüber gehalten, auch als es mich das
Leben hätte kosten können.« Er hielt inne, holte Luft und hustete
leise. »Was es immer noch kann. Also will ich jetzt, dass Ihr mir dasselbe schwört.«
Er fixierte sie mit seinen dunklen Augen. Diesmal war es nicht der gebieterische
Blick des alten Lehrers - es lag vielmehr etwas Flehendes darin.
»Ihr beschämt mich, wenn Ihr mich daran erinnert, was
Ihr für meine Familie getan habt, Shaso. Und Eure eigene Sturheit lasst
Ihr außer Acht. Aber, ja, ich habe Euch verstanden. Ich werde auf Euch
hören. Ich werde tun, was Ihr für das Beste haltet.«
»Immer ? Auch wenn Ihr noch so sehr an mir zweifelt ? Auch
wenn ich Euch noch so wütend mache, weil ich Euch nicht immer erkläre,
was ich denke ?«
Ein leises Zischen ließ Briony zusammenzucken, doch
dann merkte sie, dass es Ena war, die leise in sich hineinlachte, während
sie den Suppentopf scheuerte. Es war demütigend, aber noch beschämender
wäre es, sich weiter wie ein bockiges Kind zu verhalten. »Gut. Ich schwöre
es beim grünen Blute Erivors, des Schutzpatrons unserer Familie. Reicht
das ?«
»Mit dem Schwören bei Egye-var solltet Ihr vorsichtig
sein, Hoheit«, sagte Ena heiter. »Erst recht hier mitten im Wasser. Er hört
es.«
»Wovon redest du ? Wenn ich bei Erivor schwöre, ist
es mir ernst.« Sie wandte sich an Shaso. »Seid Ihr jetzt zufrieden ?«
Er lächelte, aber es war nur ein grimmiges Zähnezeigen,
ein alter Raubtierreflex. »Ich werde mit nichts zufrieden sein, ehe Hendon Tolly
tot ist und derjenige, der hinter Kendricks Ermordung steckt, ebenfalls. Aber
ich nehme Euer Versprechen an.« Er zuckte zusammen, als er die Beine streckte.
Briony schaute weg: Obwohl das Skimmermädchen die schlimmsten Spuren der
Fußeisen verbunden hatte, war Shaso doch immer noch mit Schrammen und
Blutergüssen übersät, und seine Gliedmaßen waren beängstigend
mager. »Und jetzt erzählt mir, was geschehen ist - alles, woran Ihr Euch
erinnert. In meine Zelle sind kaum Nachrichten gedrungen, und aus dem, was Ihr
mir gestern Abend erzählt habt, bin ich nicht recht schlau geworden.«
Briony tat ihr Bestes, aber es war nicht leicht, alles zusammenzufassen,
was in den Monaten passiert war, die Shaso dan-Heza im Kerker verbracht hatte,
geschweige denn es verständlich wiederzugeben. Sie erzählte ihm von
Barricks Fieber und von Alvin Brones Spion, der behauptete, Männer des
Autarchen von Xis am Herzogssitz der Tollys in Gronefeld gesehen zu haben. Sie
erzählte ihm von dem Handelszug, der offenbar von Elben überfallen
worden war, von Gardehauptmann Vansens Expedition und dem Schicksal, das sie
ereilt hatte, von dem vorrückenden Heer der Zwielichtler, das Südmarkstadt
auf der Festlandseite der Brennsbucht eingenommen hatte, sodass nur die Burg
noch unerobert war. Sie erzählte ihm sogar von dem seltsamen Schankknecht
Gil und seinen Träumen, jedenfalls soweit sie sie noch in Erinnerung hatte.
Bis jetzt hatte Ena in keiner Weise zu erkennen gegeben,
dass sie dieser bizarren Auflistung von Geschehnissen folgte, doch als sie hörte,
was Gil über Barrick gesagt hatte, hielt sie im Spülen inne. »Das
Auge des Stachelschweins ? Er hat gesagt, er soll sich vor dem Auge des Stachelschweins
hüten ?«
»Ja, warum ?«
»Die Stachelschweinfrau ist wohl diejenige unter den Alten,
die den unpassendsten Namen trägt«, sagte Ena ernst. »Sie ist die Gefährtin
des Todes.«
»Was heißt das ?«, fragte Briony. »Und woher willst
du das wissen?«
Wieder spielte das rätselhafte Lächeln um Enas
Lippen, aber sie sah Briony nicht an. »Selbst wir in der Skimmerlagune wissen
ein paar wichtige Dinge.«
»Genug«, sagte Shaso ärgerlich. »Den Tag über werde
ich schlafen - ich will niemandem eine Last sein. Wenn die Sonne untergeht,
brechen wir auf. Du, Mädchen«, sagte er zu Ena, »bringst uns an die Küste
von Marrinswalk, dann ist dein Dienst beendet.«
»Nur wenn Ihr noch etwas esst, bevor wir aufbrechen«, erklärte
ihm Ena. »Noch mehr Suppe - Ihr habt das, was ich Euch gegeben habe, kaum angerührt.
Ich habe meinem Vater versprochen, auf Euch aufzupassen, und wenn Ihr wieder
zusammenbrecht, wird er böse.«
Shaso sah sie an, als argwöhnte er, dass sie sich über
ihn lustig machte. Sie blickte furchtlos zurück. »Dann werde ich eben essen«,
sagte er schließlich.
Briony verbrachte den größten Teil des Nachmittags
damit, auf die Bucht hinauszuspähen, weil sie immer noch Angst hatte, Boote
könnten sich der Insel nähern. Als es ihr schließlich zu kalt
wurde, ging sie nach drinnen und wärmte sich am Feuer auf.
Um wieder zu ihrem Ausguckposten im Heidekraut zu gelangen,
durchquerte sie das Sommerhaus - diesen Ort, der ihr seiner Überschaubarkeit
wegen vertrauter gewesen war als die Südmarksburg. Doch jetzt erschien
ihr das Haus selbst bei Tageslicht so fremd wie alles Übrige, weil sich
die Welt verändert hatte, weil in einer einzigen Nacht alles Gewohnte und
Alltägliche auf den Kopf gestellt worden war.
Hier, in diesem Zimmer, hat uns Vater die Geschichte von
Hiliometes und dem Mantikor erzählt. Noch vor einem Tagzehnt hätte
sie geschworen, dass sie sich immer ganz genau daran erinnern würde, wie
es sich angefühlt hatte, gemütlich in die Decken auf dem Bett ihres
Vaters gemummelt, erstmals die Geschichte vom großen Kampf des Halbgotts
zu hören, aber jetzt stand sie hier, in ebendiesem Zimmer, und alles war
plötzlich so verschwommen. War Kendrick auch dabei gewesen, oder hatte
er schon geschlafen, weil er am nächsten Morgen in aller Frühe aufstehen
wollte, um mit dem alten Nynor fischen zu gehen ? Hatte da ein Feuer gebrannt,
oder war es einer jener seltenen, richtig warmen Sommerabende auf dem M'Helansfels
gewesen, an denen die Bediensteten angewiesen wurden, außer dem Küchenherd
nichts zu beheizen ? Sie erinnerte sich nur noch an die Geschichte und das übertrieben
feierliche, bärtige Gesicht ihres Vaters beim Erzählen. Würde
sie irgendwann auch das vergessen ? Würde ihre gesamte Vergangenheit auf
diese Weise verschwinden, nach und nach, wie Wagenspuren im Erdboden, wenn es
regnete ?
Eine Bewegung am Rand ihres Gesichtsfelds schreckte sie auf
- etwas huschte die Scheuerleiste entlang. Eine Maus ? Sie schlich sich zu der
Ecke des Raums und scheuchte irgendein Geschöpf hinter einem Tischbein
hervor, doch ehe sie erkennen konnte, was es war, verschwand es hinter einem
Wandbehang. Für eine Maus war es ihr zu aufrecht erschienen - vielleicht
ein Vogel, der sich ins Haus verirrt hatte ? Aber Vögel hüpften doch,
oder ? Seltsam ängstlich zog sie den Wandbehang ab, aber da war nichts.
Eine Maus, dachte sie. Ist die Rückseite des
Wandteppichs hinaufgekrabbelt und schon wieder irgendwo im Dach. Das arme Ding
hat sich wahrscheinlich zu Tode erschrocken, als plötzlich jemand
hier hereinkam - das Haus stand ja über ein Jahr leer.
Sie fragte sich, ob sie es wagen sollte, die Tür zu
König Olins Schlafzimmerbalkon zu öffnen. Es juckte sie, zur Burg
hinüberzuschauen. Vielleicht war die ja auch schon so unwirklich geworden
? Aber die Vorsicht siegte. Sie ging durchs Zimmer zurück, vorbei an dem
kahlen Bett. Auf allen Oberflächen lag eine dünne Staubschicht, als
wäre der Raum die Gruft eines alten Propheten, wo niemand etwas zu berühren
wagte. In einem normalen Jahr wären die Türen zum Lüften aufgerissen
worden, während die Bediensteten eifrig fegten und wischten. Frische Blumen
hätten in der Vase auf dem Schreibtisch gestanden (nur gelbes Kreuzkraut
so spät im Jahr), und der Waschkrug wäre voll Wasser gewesen. Stattdessen
saß ihr Vater jetzt irgendwo in einem Raum gefangen, der wahrscheinlich
viel kleiner war als dieser - vielleicht nur eine finstere Zelle, wie das Kerkerloch,
in dem Shaso geschmachtet hatte. Hatte Olin ein Fenster, durch das er etwas
sehen konnte - oder nur dunkle Mauern und verblassende Erinnerungen an sein
Zuhause ?
Sie durfte gar nicht daran denken. Es gab dieser Tage so
vieles, woran sie gar nicht denken durfte.
»Hast du nicht gesagt, er habe kaum etwas gegessen ?«, sagte
Briony und deutete mit dem Kopf zu Shaso hinüber. Sie hielt den Proviantsack
vor sich. »Der ganze Dörrfisch ist weg ? Warst du das ? Da waren noch drei
Stücke, als ich das letzte Mal reingeschaut habe.«
Ena blickte in den Sack und sagte dann lächelnd: »Ich
glaube, das war ein Geschenk.«
»Ein Geschenk ? Was soll das heißen ? An wen denn ?«
»An das kleine Volk - die Kinder des Herrn der Lüfte.«
Briony schüttelte ärgerlich den Kopf. »Ein Geschenk
an die Ratten und Mäuse wohl eher. Ich habe gerade eine gesehen.« Sie glaubte
nicht an diese albernen alten Geschichten, die die Köchinnen und Küchenmägde
immer erzählten, wenn irgendetwas fehlte: »Oh, das war bestimmt das
kleine Volk, Hoheit. Die Alten müssen es genommen haben.« Es gab ihr
einen Stich ins Herz, als sie daran dachte, was Barrick zu solchen Hirngespinsten
sagen würde. Sie hörte förmlich den vertrauten spöttischen
Ton. Sie vermisste ihn so sehr, dass ihr die Tränen kamen.
Gleich darauf erkannte sie die Ironie der Situation: Ihr
Bruder, der für das Gerede vom »kleinen Volk« nichts als Verachtung übrig
gehabt hätte - sie trauerte um ihn . weil er gegen die Elben gezogen war.
»Macht wohl nichts«, sagte sie zu Ena. »In Marrinswalk finden wir bestimmt etwas
zu essen.«
Ena nickte. »Und vielleicht bringt uns das kleine Volk dafür
ja Glück - vielleicht rufen sie Pyarin Ky'vos an, dass er uns günstige
Winde schickt. Sie sind schließlich seine Lieblinge, so wie mein Volk
Egye-Var gehört.«
Briony schüttelte skeptisch den Kopf, rief sich dann
aber zur Ordnung. Sie, die gegen einen mörderischen Dämon gekämpft
und nur mit Müh und Not überlebt hatte - wie kam sie dazu, hochmütig
abzutun, was andere über die Götter sagten ? Sie betete zwar jeden
Tag gewissenhaft und aufrichtig zu Zoria, hatte aber nie geglaubt, dass der
Himmel so aktiv ins Leben der Menschen eingriff, wie es andere zu glauben schienen.
Doch im Moment konnten sie und ihre Familie jede Hilfe brauchen. »Du erinnerst
mich da an etwas, Ena. Wir müssen Erivor eine Opfergabe darbringen, bevor
wir gehen.«
»Ja, Herrin. Das ist gut und richtig.«
Das Mädchen billigte also, was sie sagte ? Wie reizend
! Briony zog eine Grimasse, wandte sich aber ab, sodass Ena es nicht sehen konnte.
Zum ersten Mal schmerzte es sie, nicht mehr Prinzregentin zu sein. Eine Prinzregentin
behandelten die Leute wenigstens nicht wie ein Kind oder ein dummes Ding - allein
schon aus Angst ! »Lass uns zuerst Shaso zum Boot bringen.«
»Ich gehe selbst, verflucht.« Der alte Mann bemühte
sich, vollends aus seinem Dahindösen zu erwachen. »Ist die Sonne schon
untergegangen?«
»Bald.« Er sah besser aus, dachte Briony, aber er war immer
noch erschreckend dünn und offenkundig sehr schwach. Er war alt,
viele Jahre älter als ihr Vater - manchmal vergaß sie das, getäuscht
durch seine Stärke und seinen scharfen Verstand. Würde er sich wieder
erholen, oder hatte ihn die Zeit im Kerker für immer zum Krüppel gemacht
? Sie seufzte. »Wir sollten uns jetzt bereit machen. Es ist weit bis zur Küste
von Marrinswalk, oder ?«
Shaso nickte langsam. »Es wird die ganze Nacht dauern und
wahrscheinlich noch bis in den Vormittag.«
Ena lachte. »Wenn Pyarin Ky'vos auch nur den kleinsten günstigen
Wind schickt, setze ich Euch noch vor dem Morgengrauen drüben ab.«
»Aber wo dort ?« Briony lag es mittlerweile fern, an dem
Mädchen mit den kräftigen Armen zu zweifeln, jedenfalls, was das Rudern
anging. »Wie wäre es mit Wildeklyff ? Ich kenne Tynes Gemahlin gut. Sie
würde uns sicher Unterschlupf gewähren - sie ist eine brave Frau,
trotz ihrer übergroßen Leidenschaft für Kleider und für
Klatsch und Tratsch. Das wäre doch wohl sicherer als Marrinswalk, wo .«
Shaso gab ein tiefes, warnendes Grollen von sich, das klang,
als käme es aus einer Höhle. »Habt Ihr nicht versprochen, zu tun,
was ich sage ?«
»Doch, das habe ich, aber .«
»Dann rudern wir nach Marrinswalk. Ich habe meine Gründe,
Hoheit. Niemand aus dem Adel kann euch schützen. Wenn wir die Tollys provozieren,
wird Herzog Caradon mit den Gronefelder Truppen nach Wildeklyff ziehen und Aldritchstatt
bezwingen - wer sollte dort die Tollys aufhalten können, wenn Tyne mit
allen seinen Männern in diesen Kampf gezogen ist, von dem Ihr spracht ?
Sie werden erklären, Ihr wärt eine Hochstaplerin - eine Dienstmagd,
die ich gezwungen hätte, die Rolle der verschwundenen Prinzessin zu spielen
- und die echte Briony sei längst tot. Versteht Ihr ?«
»Ja, schon, aber .«
»Kein Aber. Im Moment zählt nur Stärke, und die
Tollys haben die Oberhand. Ihr müsst tun, was ich sage, und keine Zeit
mit Widerspruch vergeuden. Wir könnten uns bald schon in Situationen befinden,
in denen Zögern oder kindischer Eigensinn tödlich wäre.«
»Gut, dann eben Marrinswalk.« Briony stand auf und bemühte
sich, ihren Zorn im Zaum zu halten. Ruhig, ermahnte sie sich. Du hast
es versprochen - und außerdem, denk dran, wie töricht du dich in
der Sache mit Hendon verhalten hast. Du kannst dir jetzt keine Temperamentsausbrüche
leisten. Du bist die letzte Eddon. Erschrocken korrigierte sie sich. Die
letzte Eddon in Südmark. Aber nicht einmal das stimmte - jetzt waren
gar keine wahren Eddons mehr auf der Südmarksburg, nur noch Anissa und
ihr Kind, falls es die schreckliche erste Nacht seines Lebens überstanden
hatte.
»Ich werde am Altar des Meeresgottes opfern«, sagte sie so
gemessen, wie sie irgend konnte, und setzte die Maske majestätischer Unnahbarkeit
auf, von der sie geglaubt hatte, sie hätte sie mit dem Rest ihres alten
Lebens auf der Burg zurückgelassen. »Hilf dem Waffenmeister dan-Heza hinunter
zum Boot, Ena. Ich komme nach.«
Ohne sich umzublicken, schritt sie aus der Küche.
Zu Kapitel
2 - Leseproben
Band 1
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