Tad zu Otherland und VR

Was ich über VR denke

OTHERLAND - eine Realität ohne Grenzen, die Verlockungen und Versuchungen des VR. Wenn man durch Raum und Zeit reisen könnte, wenn es keine realen Grenzen, nur solche der Phantasie gäbe, wohin würdest du reisen? Ins Land der Pharaonen? In das Wunderland von Alice? Zu König Artus nach Camelot? In das Troja Homers? In Dantes Hölle? Wenn dies möglich wäre, wenn es möglich wäre, in eine perfekte Simulation jedes Ortes, den wir uns wünschen, eintreten zu können, wenn wir diesen Ort wirklich erleben könnten, sogar dort leben könnten, und wenn er uns absolut real erschiene, wenn das möglich wäre, dann, glaube ich, würde jeder von uns dorthin wollen.

In OTHERLAND, der von Menschen erschaffenen VR, wird alles, was man sich nur irgend ausdenken kann, Wirklichkeit. Man kann jede Gestalt annehmen, und man kann jedes Abenteuer erleben. Doch alles hat seinen Preis, und der Preis, den OTHERLAND verlangt, kann sich als zu hoch erweisen.

Während ich dieses Buch schrieb, sagten alle: "Ach, du machst was mit Cyberpunk." Für mich ist das ein Beispiel, wie wir Dinge in Schubladen einsortieren, um mit dem komplexen modernen Leben fertigzuwerden. Alles, was mit VR zu tun hat, muß Cyberpunk sein, das steckte wohl dahinter. Aber einer der Gründe, warum ich OTHERLAND schrieb (ich habe immer eine Million Gründe, wenn ich einen Roman schreibe), ist, daß ich die Cyberpunk-Perspektive nur für eine von vielen halte, unsere Zukunft zu sehen und die Rolle, die Computer spielen werden.
Für mich ist Cyberpunk in der Hauptsache ein Genre. Viele haben es schon gesagt: Cyberspace (auch den Namen, den William Gibson geprägt hat) gab es schon lange in der Science-fiction-Literatur. Es ist diese nihilistische, hoffnungslose Vision der Zukunft, die Cyberpunk zu dem macht, was es ist. Aber auch das ist natürlich nicht neu. Man denke nur an Michael Moorcock oder Harlan Ellison, sie haben das ähnlich gesehen, und das war vor zwanzig Jahren.

Ich wollte einen Roman schreiben, der zur Hälfte Science fiction ist, weil ich in die nahe Zukunft schauen wollte, weil ich zeigen wollte, daß sich die Dinge nicht so sehr ändern würden. Es würde keinen Atomkrieg geben, keine Mutanten würden auf den Straßen herumlaufen, wir würden keine Kolonien auf den nächsten Planeten haben, jedenfalls keine menschlichen Kolonien, oder im Raum herumschippernde Sternenflotten.
Ich interessiere mich für Geschichte und für ihre Gesetzmäßigkeiten, und ich denke, daß sich während der nächsten oder den nächsten zwei Generationen nicht viel ändern wird, daß alles so sein wird wie vor hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren. Das heißt, Leute mit Geld und Macht werden weiterhin bekommen, was sie wollen. Mehr Leute als heute werden hungern und obdachlos sein, und der Durchschnitt wird sich Sorgen machen, daß alles den Bach runtergeht, und die jeweilige Technologie der Zeit wird eher nicht beachtet. Und VR, was heute so exotisch und fremd scheint, so Cyberpunk-mäßig, wird so normal sein wie heute Fernsehen. In OTHERLAND ist das, was eine kleine Gruppe von Leuten mit einer ganz speziellen VR anstellt, dieses Experiment jenseits allem, was bisher versucht worden ist, das eigentlich Erschreckende. Die Figuren in dem Buch finden VR ansonsten völlig normal. Und genau so werden wir in fünfzig Jahren alle denken, darauf wette ich.
Es gibt Leute, die sehen sich das Internet an und denken: toll, was man damit alles machen kann, und andere fürchten, daß in Zukunft niemand mehr sein Haus verlassen wird. Ich denke, daß Computertechnik genau wie der elektrische Strom weder gut noch schlecht ist, sie ist einfach da. Mir gehörte die Hälfte einer Multimedia Gesellschaft, die sich auf VR und auf interaktives Fernsehen spezialisiert hatte. Einer meiner unzähligen Jobs. Daher habe ich mein spezielles Wissen auf diesem Gebiet. Die Simulationen in OTHERLAND sind so viel ausgeklügelter als alles, was wir heute kennen, aber der Roman handelt eigentlich nicht von der technologischen Seite. Was mich interessiert, ist, welche Freiheit sie den Menschen heute gibt - und was sie damit machen werden.
In der Zukunft werden die Reichen und Mächtigen immer noch die besten Spielsachen haben, so wie es heute ja auch ist. Eines der Geheimnisse im Herzen von Otherland ist die Frage, warum die Reichen und Rücksichtslosen, da sie doch jede Form der Realität je nach ihren Geld- und Machtmitteln erschaffen können, die VR zu ihrer eigenen Domäne machen. Und das, obwohl doch der gesamten Menschheit ein völlig neues Universum von Möglichkeiten offenstehen würde, ein neues Universum, das allen nützen, allen ein besseres Leben bringen könnte. Aber sie setzen ihre skrupellose Verschwörung fort, um jeden Preis.

 

       
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