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Otherland, Band 4 - Meer des silbernen Lichts

Kapitel 6 - Selbstgespräche mit Apparaten

Teil 4


Eine Zeit verstrich, die Paul sehr lange vorkam. Ein matter Rotschimmer war draußen hinter den Nebelschwaden erschienen: Über Kunoharas imaginärer Welt ging die Sonne auf, allerdings war sie noch in Dunst gehüllt.

»Du überschätzt mich«, antwortete Kunohara schließlich. »Mein eigenes System gehorcht mir kaum noch, und meine ohnehin geringen Möglichkeiten, auf die Gesamtinfrastruktur des Gralssystems Einfluß zu nehmen, habe ich gestern verloren, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als der Andere von eurem Feind überwältigt wurde. Ich weiß noch nicht, welche Fähigkeiten mir in meiner eigenen Welt geblieben sind, aber die Möglichkeit, alles zu überwachen, was hier geschieht, ist auf jeden Fall weg. Und ich kann auch nicht mehr Dinge oder Personen in das System hineinsetzen oder daraus entfernen, wie ich es früher konnte.« Er wandte sich Paul zu. »Deshalb konnte ich auch die Mutanten nicht einfach löschen, ja nicht einmal die Geißelspinne an einen anderen Ort versetzen. Ich mußte auf meine Fähigkeit zurückgreifen, das Wetter zu steuern, ein sehr notdürftiges Mittel.«

»Und was sollen wir dann tun?« fragte Florimel, doch ihre Stimme hatte die Schärfe verloren. »Einfach kapitulieren? Hier Tee trinken und auf den Tod warten?«

»Wir müssen das System verstehen lernen. Ohne Verständnis sind wir in der Tat verloren. Der Andere hat die Struktur des gesamten Netzwerks geschaffen oder wenigstens beeinflußt, und selbst wenn dieser Dread das System in seine Gewalt gebracht hat, müssen die Muster doch dieselben geblieben sein.«

»Und was für Muster wären das?« fragte Martine. Sie hatte sich seit einer Weile nicht mehr zu Wort gemeldet. Sie wirkte zerstreut und hielt den Kopf geneigt, als ob sie auf etwas lauschte, das die anderen nicht hören konnten.

Kunohara leerte sein Glas und stand auf. »Geschichten, Märchen. Eine heldenhafte Suche. Noch andere Sachen. Kinder und Kindheit. Tod. Auferstehung.«

»Und Labyrinthe«, fügte Paul hinzu. »Der Gedanke kam mir seinerzeit auf Ithaka. Viele der Schnittstellen, die Gateways und so, sie befinden sich in Labyrinthen oder an Orten, die mit Tod zu haben. Aber ich dachte, das wäre einfach der schwarze Humor der Bruderschaft.«

»Das wohl zum Teil auch«, meinte Kunohara. »Andererseits könnte es ganz praktische Gründe geben. Weil man sich an solchen Orten verirren kann, werden viele Menschen sie meiden, und das wiederum verschafft den Gralsbrüdern mehr Ungestörtheit. Aber ich bin in den diversen Welten viel herumgekommen, und meiner Meinung nach könnten zu viele Wiederholungen bestimmter Motive auch darauf hindeuten, daß das Betriebssystem entsprechende Umgewichtungen vorgenommen hat, daß es Anzeichen einer neu entstehenden Ordnung gibt, wenn ihr so wollt.« Er wirkte auf einmal fasziniert und erregt, geradezu fiebrig. »In der Hauswelt zum Beispiel, wo ich die meisten von euch zum zweitenmal getroffen habe. Ich kannte ihre Erbauer, und die Anlage des Ganzen war weitgehend ihr Werk, aber die Madonna der Fenster? Die überdies eine Erscheinungsform deines Schutzengels gewesen zu sein scheint, Jonas? Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie in der ursprünglichen Welt einprogrammiert war. Nein, ich glaube vielmehr, daß Einflüsse aus dem System im ganzen für ihr Auftreten verantwortlich waren. Und überlegt mal, wo ihr das Gateway in Troja gefunden habt, und ein ziemlich wichtiges zudem - im Tempel der Demeter. Dort, wo die Mutter der Braut des Todesgottes ihren Sitz hat, im Zentrum eines Labyrinths. Da haben wir die beiden von Jonas genannten Motive zusammen.«

Paul meinte, den Ton jetzt auch zu hören, der Martine zwischenzeitlich ablenkte, ein leises, pulsierendes Summen, vom Murmeln des Flusses kaum zu unterscheiden. Aber etwas anderes schien Martine jetzt mehr zu beschäftigen. Sie setzte sich gerader hin. »Das stimmt«, sagte sie. »Du wußtest, daß wir dort hinbestellt worden waren, nicht wahr? Als ihr euch in der Hauswelt begegnet seid, meinte Florimel, in Troja gebe es kein Labyrinth, aber du wußtest, daß es doch eins gab.«

Kunohara nickte, aber sein Blick verriet, daß er auf der Hut war. »Wie gesagt, es war eine der ersten Simulationen, die die Bruderschaft anlegte.« Er zog die Stirn kraus. »Aber woher weißt du, worüber wir geredet haben? Du warst zu dem Zeitpunkt noch gefangen. Du warst gar nicht dabei.«

»Ganz genau.« Martines Gesicht war hart. »Es ist immer seltsam, wenn Leute von Vorgängen wissen, bei denen sie gar nicht selbst anwesend waren. Und du weißt viel über unsere Zeit in Troja. Paul, hast du Herrn Kunohara erzählt, daß wir im Tempel der Demeter waren?«

Martines offene Feindseligkeit gegen ihren Gastgeber mißfiel ihm schon die ganze Zeit, und er wollte gerade etwas dazu sagen, um das Gespräch wieder auf das richtige Gleis zu bringen, als ihm aufging, daß ihr Einwand berechtigt war. »Nein ... eigentlich nicht. Ich hab viel ausgelassen ... weil ich ihm vor allem erzählen wollte, was mit der Gralsbruderschaft passiert ist.« Ihm war zumute, als irrte er plötzlich wieder orientierungslos herum, den Machenschaften anderer ausgeliefert. Er wandte sich Kunohara zu. »Ja, wirklich, woher hast du das gewußt?«

Es war nicht eindeutig auszumachen, was die gereizte Miene des Mannes zu bedeuten hatte: Er machte es einem schon unter normalen Umständen nicht leicht, aus ihm schlau zu werden. »Wo hätte es sonst sein sollen? Ich habe euch praktisch selbst dort hingeschickt!«

T4b straffte sich und ballte die Fäuste. »Schnüffler für die Gralstypen, hä? Doch'n Dupper?«

»Er könnte die Wahrheit sagen«, sagte Martine und hob die Hand, um T4b zu bremsen. »Aber ich habe meine Zweifel. Ich denke, vielleicht erzählst du uns nicht die ganze Wahrheit, Herr Kunohara.« Sie kniff einen Moment lang abgelenkt die Augen zusammen, bemühte sich aber trotzdem, ihren Gedanken zu Ende zu führen. »Es stimmt, du wußtest, wo wir hinwollten. Ich vermute, daß du außerdem einen Informanten dort in Troja und später hattest - vielleicht sogar einen von uns, so unangenehm die Vorstellung ist - und daß es die Kommunikationsverbindung zwischen dir und diesem Informanten war, der ich hierher folgen konnte, als auf dem Berggipfel das Chaos ausbrach.«

Die Spannung zwischen den beiden, die im ganzen Raum eine heiße, drückende Atmosphäre geschaffen hatte, hielt nicht an. Als es gerade den Anschein hatte, als müßte Kunohara sich entweder schuldig bekennen oder eine zornige Erwiderung vom Stapel lassen, warf Martine den Kopf in den Nacken und starrte mit blinden Augen zur Deckenkuppel und dem alles verhängenden grauen Wolkenschleier auf. Das Summen war mittlerweile unüberhörbar laut geworden.

»Es sind viele Gestalten über uns«, sagte sie mit Verwunderung in der Stimme. »Viele ...«

Etwas plumpste schwer auf den höchsten Punkt der Blase, ein dunkler Fleck, der den Dunst draußen verwirbelte. Gliederbeine stampften und drückten, als wollten sie durch die transparente Oberfläche stoßen. Weitere Aufschläge folgten, zuerst wenige, dann ganz viele dicht hintereinander. Paul machte Anstalten, auf die Füße zu springen, doch der Fluchtreflex war bereits gehemmt: Auf der ganzen gewölbten Membran wimmelte es von Gestalten, und fortwährend landeten weitere. Kunohara klatschte kurz in die Hände, und die Innenbeleuchtung der Blase wurde hell, so daß sie die außen an der Kuppel klebenden Wesen erkennen konnten.

Der Form der Körper nach, dem langen gepanzerten Hinterleib und dem glänzenden Brustabschnitt mit den schwirrenden Flügeln, hätten es Wespen sein können - doch wenn, dann war es zu einer extremen Fehlentwicklung gekommen. Wie die mutierten Kugelasseln hatten sie unnatürlich viele Beine in den wildesten Anordnungen, und während sie sich in immer wachsenden Massen auf der Blase zusammendrängten, preßten sie halbmenschliche Gesichter gegen die Außenhaut, deren groteske Züge durch ihre heftigen Anstrengungen, das Hindernis zu durchdringen, noch erschreckender gedehnt und gequetscht wurden.

T4b sprang auf und sah sich fieberhaft nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber die Wespen bedeckten mittlerweile fast jeden Zentimeter der glasartigen Wand, so daß anstelle des diesigen Himmels eine Kuppel aus gepanzerten Gliedern und sabbernden, durch Mandibeln entstellten Mäulern zu sehen war.

»Das ist Dread«, ächzte Martine mit versagender Stimme. »Dread hat sie geschickt. Er weiß, daß wir hier sind.«

So viele der Wespenwesen krabbelten inzwischen in wirren Haufen übereinander, daß Paul meinte, die Blase werde jeden Moment unter ihrem Gewicht einbrechen. Einige der unteren, die von den anderen niedergetrampelt und zu Tode gedrückt wurden, fuhren häßliche Stacheln aus ihren Hinterleibern aus und stachen damit immer wieder in die Blasenhaut. Diese spannte sich zeltartig nach innen, aber riß zum Glück noch nicht.

Paul packte Kunohara. »Schaff sie weg! Um Himmels willen, vereise sie, oder mach sonstwas! Sie können jeden Moment durchbrechen.«

Ihr Gastgeber war nicht minder entsetzt, bemühte sich aber sichtlich um Ruhe. »Wenn ich Wind oder Eis gegen sie einsetze, destabilisiere ich damit das Haus, und dann geht es kaputt oder schwimmt den Fluß hinunter. Wir würden alle umkommen.«

»Ihr und eure beschissenen Wirklichkeitsimitationen!« schrie Florimel. »Ihr reichen Idioten mit euern Spielzeugen!«

Kunohara ignorierte sie. Beklommen beobachtete Paul, wie er eine Reihe rätselhafter Gesten vollführte, die aussahen, als ob jemand in einem friedlichen Park Tai-ji übte. Einen Moment lang war er fest überzeugt, daß der Mann völlig verrückt geworden war, doch dann begriff er, daß Kunohara die Liste seiner Befehle durchging, um auszuprobieren, was ihm von seiner Macht geblieben war.

»Nichts«, zischte Kunohara und drehte sich mit kalter Wut zu Martine um. »Du mit deinen Beschuldigungen. Du hast nicht nur euch zum Tode verurteilt, als du so dumm warst, dieses Gerät zu benutzen, nein, obendrein hast du sie in mein Haus geführt und mich gleich mit verurteilt.« Auf eine Handbewegung von ihm hin öffnete sich ein Fenster in der Luft. Zuerst wußte Paul nicht, was die dort zu sehende brodelnde, verknäulte Masse darstellen sollte, doch dann erkannte er, daß es ein Blick von oben auf das Blasenhaus war, das inzwischen dermaßen mit Wespenmonstern überhäuft war, daß man seine wahre Gestalt kaum noch ahnen konnte.

»Seht«, sagte Kunohara bitter. »Sie bauen eine Brücke zwischen uns und dem Land.«

Er hatte recht. Die versammelten Wespen schoben einen länglichen Klumpen ihrer wimmelnden Leiber auf den wogenden Fluß hinaus, ein Selbstmordkommando, das sich gewissermaßen als Baumaterial opferte, um die freischwimmende Blase mit dem Ufer zu verbinden. Die Wespen auf der Unterseite des stetig länger werdenden Armes mußten zu Hunderten ertrinken, dachte Paul, und dennoch stießen immer mehr aus der Luft dazu und setzten die Brücke fort.

Aber wohin? Paul strengte sich an, durch den Nebel zum dunklen Flußufer hinüberzuschauen, wo Grashalme im Wind wehten. Kunohara mußte denselben Gedanken gehabt haben, denn mit einer erneuten Handbewegung veränderte er den Fensterausschnitt und holte den sandigen Randstreifen näher heran. Es war gar kein Gras; es war ein geschlossenes Band käferartiger Gestalten, genauso gräßlich verunstaltet wie die Wespen, ein Heer von Tausenden und Abertausenden mißgebildeter Krabbler, die darauf warteten, daß die Wespenbrücke sie erreichte. Ganz vorn waren bereits Hunderte von klickenden Dränglern dabei, ihrerseits eine Kette zu bilden; in ihrem blinden Streben, den Wespen entgegenzukommen, kletterten sie übereinander und ließen sich auch im Ertrinken nicht los.

Doch selbst dieser scheußliche Anblick war nicht das Schlimmste. Auf einem bemoosten Stein hart am Rand des Flusses standen zwei sehr unterschiedliche Figuren wie Generäle, die den Fortgang eines Feldzugs beobachteten. Kunohara stellte sie größer und schärfer. Trotz der unmittelbaren Bedrohung durch die Wespen, die jetzt das Blasenhaus mit einer soliden Schicht aus Panzern und Klauengliedern umgaben, konnte Paul den Blick nicht von den beiden abwenden.

Eine war eine widernatürlich angeschwollene Raupe, deren pelzige Segmente die Farbe von Leichenfleisch hatten und die mit ihren winzigen Schweinsäuglein im Gesicht und dem Mund voll grober Hauer auf eine noch ekelhaftere Art menschenähnlich wirkte als die Mutantenarmee. Neben ihr wippte eine papierweiße Grille auf und ab und rieb die Beine aneinander, doch ihre Sägetöne waren gnädigerweise nicht zu hören. Ihr langes Gesicht war genauso abstoßend individuell wie das der Raupe, nur daß die Stelle, wo die Augen hätten sein sollen, leer und flach war.

»Die Zwillinge«, stöhnte Paul. »O Gott. Er hat die Zwillinge hinter uns hergeschickt.«

»Da ist noch einer«, sagte Florimel. »Seht, dort auf dem Käfer reitet er.«

Paul starrte die blasse menschliche Gestalt an, die sich auf einem glänzenden Rückenschild auf und nieder bewegte. »Wer ist das?«

Kunohara machte ein finsteres Gesicht. »Robert Wells, würde ich vermuten. Jammerschade, daß die Geißelspinne ihn nicht auch erwischt hat.«

Die winzige Figur schwenkte einen Arm, und das nächste Käferbataillon marschierte zum Wasser, um für die Verlängerung der Kette das Leben zu lassen.

»Der Dreckskerl amüsiert sich prächtig«, bemerkte Kunohara.



[Ende Kapitel 6]


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